Dokumentarfilm

Filmform, die ausdrücklich auf der Nichtfiktionalität des Vorfilmischen besteht. In einem weiten Sinne zählen der Sach-, der Reise-, der Nachrichtenfilm, der ethnografische Film, der Essayfilm u.a.m. zum Dokumentarfilm. Die wesentlichen Genres bildeten sich in den 1920er und 1930er Jahren heraus (inszenierte, ethnografische, beobachtende, agitatorische Dokumentarfilm, Kompilationsfilme, Querschnittsfilme). Das Konzept des „Dokumentarfilms“ wurde von dem britischen Kritiker und Filmer John Grierson erstmals 1926 geprägt – als ein auf Robert Flahertys Tahiti-Film Moana (1926) bezogener Begriff des nichtfiktionalen Films, dessen Aufbau sich nicht an den Regeln der klassischen Dramaturgie oder vorgeformten narrativen Mustern orientiert, sondern das „wirkliche Leben“ mit Menschen auf die Leinwand bringt, die als sie selbst vor die Kamera treten (documentary value). Der Dokumentarfilmer ist Zeuge von Handlungen, Ereignissen oder Phänomenen der Zeitgeschichte, die er mittels Film erschließt, verdeutlicht, analysiert oder rekonstruiert, wobei er als Autor z.B. im Interview je nach künstlerischem Konzept als Fragender, Gesprächspartner etc. an- oder abwesend sein kann.

Die Begriffsbildung des Dokumentarfilms war einer Praxis nachgängig, die bereits seit den Gebrüdern Lumière 1895 mit ungeschnittenen single shots nichtfiktionale Filme produzierte, in denen sichtbare Vorgänge der Wirklichkeit aufgezeichnet wurden. Frühe Formen des nicht-fiktionalen Films, v.a. Aktualitäten und Wochenschauen, sind mit journalistischen Arbeitsweisen verwandt, während die a-narrativen Landschaftsbilder Vorläufer in der Reisebeschreibung und literarischen Topografieschilderung des 19. Jahrhunderts haben.

In den 1960er Jahren entbrannten mehrere Dokumentarfilm-Debatten, in der es um die Methoden des Dokumentarfilms ging, um die Zulässigkeit des Eingriffs, um die Rolle von Subjektivität und politischem Interesse, das (symbolische) Machtverhältnis zwischen Dokumentarfilmer und Gefilmten (vereinfacht gesprochen: das Direct Cinema begleitet soziale Prozesse, das Cinéma Vérité stimuliert sie). Auch wurden seitdem zahlreiche neue Subgattungen ausgebildet, wie z.B. das Doku-Porträt, der inszenierte und experimentelle Dokumentarfilm, der Interviewfilm sowie die Querschnitts-Dokumentation. Der investigative Dokumentarfilm übernimmt seine Methode vom investigativen, Stellung beziehenden Journalismus. Der Dokumentarfilm wird heute nur noch im Ausnahmefall im Kino ausgewertet – er ist fast ganz ins Fernsehen und seine Darstellungsformen abgewandert. — Quelle: http://filmlexikon.uni-kiel.de



Besondere Sub-Genres

  • Kompilationsfilm

Kompilationsfilm bezeichnet einen Film, der aus neu montiertem Archivfilmmaterial, Interviews, Spielszenen besteht. Die Pionierin war Esfir Schub mit Der Fall der Dynastie Romanov (1927). Neuere Beispiele sind Der gewöhnliche Faschismus von Michail Romm, Point of Order (1964) von Emile de Antonio über die McCarthy- Anhörungen und The Atomic Café, der vollständig aus Material erstellt wurde, das die US-Regierung erstellen ließ, um die Bevölkerung über atomare Strahlung ‚aufzuklären‘. Den Soldaten wurde z. B. erklärt, ihnen könne nichts passieren, selbst wenn sie verstrahlt würden, solange sie die Augen und den Mund geschlossen hielten. The Last Cigarette (1999) kombiniert Zeugenaussagen von Managern der amerikanischen Tabakindustrie mit Archivmaterial, das die Vorzüge des Rauchens anpreist.

  • Essayfilm

Eine Grenzform des nichtfiktionalen Films ist der Essayfilm. Die im Direct Cinema verbannte Off-Stimme kehrt zurück, verliert aber ihren offiziösen, autoritären, pseudoobjektiven Charakter. Zu den wichtigen Essayfilmmachern zählen Guy Debord, Chris Marker, Raoul Peck und Harun Farocki. Auch Spielfilmregisseur Dominik Graf bewegt sich hin und wieder auf dem Terrain des dokumentarischen Essayfilms, spätestens seit 2000 mit „München – Geheimnisse einer Stadt“.

  • Mockumentary

Ein Mockumentary ist eine vorgetäuschte Dokumentation, die dem Zwecke der Unterhaltung dient oder die Menschen wachrütteln soll, damit sie nicht alles glauben, was ihnen gezeigt wird.

  • Scripted Reality (Pseudo-Doku)

ist eine vorgetäuschte Dokumentation, bei der die Dokumentation nicht parodiert, sondern imitiert wird. — Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Dokumentarfilm