Creed – Rocky’s Legacy

Familien-Credo

Mit Creed legt Regisseur Ryan Coogler einen würdigen Rocky-Nachfolger vor

„Keiner kann so hart zuschlagen wie das Leben. Aber es geht nicht darum, wie hart einer zuschlagen kann, es zählt bloß, wie viele Schläge er einstecken kann und ob er trotzdem weiter macht.“ – ein Rat, den Rocky Balboa seinem Junior gibt. Das war im sechsten Teil der Filmreihe, als der einstige Champion ein weiteres Comeback versuchte und wieder verlor. Sein Sohn lebt mittlerweile ein eigenes Leben, seine Frau Adrian starb schon vor Jahren, ebenso sein Schwager Paulie und der Freund Apollo wurde vor seinen Augen im Boxring totgeschlagen. Einsam ist er und lebt in der Vergangenheit, die er in seinem Restaurant „Adrian’s“ museal ausstellt.

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Der vom Alter und den Kämpfen gezeichnete Mann scheint schon aufgegeben zu haben, als der junge Boxer Adonis „Donnie“ Johnson zu ihm kommt, um von ihm trainiert zu werden. Doch der ist nicht irgendein Sportler, sondern der Sohn von Rockys einstigem Gegner und späteren Freund Apollo. Seinen Namen kann er noch nicht akzeptieren, will nicht im übergroßen Schatten des Vaters stehen, sondern eine eigenständige Person sein, deshalb trägt der den Nachnamen der Mutter. Dass er nun gerade Boxer werden will, ist da natürlich nicht hilfreich. Die Handlung des siebten Teils der Boxreihe ist nicht neu, sie folgt dem Grundmuster der vorherigen Filme.

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Doch in Creed geht es mehr denn je um Zugehörigkeit, um Familie und um Verlust. Wie kann Donnie Johnson seine Herkunft akzeptieren und noch er selbst bleiben? In einem visuell beeindruckenden Schattenboxduell zu Beginn des Films tritt Donny gegen eine YouTube-Projektion des jungen Apollo Creed an und nimmt in diesem Moment die Herausforderung an, sich dem Dämon des verstorbenen Vaters zu stellen. Im Training und in der Freundschaft mit Rocky tastet Donny sich an sein Erbe heran und kann letztlich dem Vater verzeihen. In der schon zum Artefakt gewordenen Boxhose von Apollo tritt er schließlich seinen großen Kampf an – auf dem Hosenbund steht vorne groß „Creed“, hinten „Johnson“. Stoff gewordene Familienzusammenführung – viel Pathos, ja, aber immer mit einem Augenzwinkern. Ähnlich wie Donnys Kampfname, der weniger martialisch ausfällt als die der Kollegen: Er boxt als Adonis „Hollywood“ Creed gegen „Pretty“ Ricky Conlan – Kampf der Schönen. Und zugleich ein Glaubensbekenntnis an Hollywood: Hollywood Creed.

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So pathetisch es klingen mag, doch ist Creed durchaus eine Feier von Hollywood als Traumfabrik. Hier werden Träume wahr. Regisseur Ryan Coogler trat kein leichtes Erbe an: sechs Vorgängerfilme, alle von Sylvester Stallone selbst geschrieben, in vieren führte er auch Regie. Eine Gratwanderung zwischen Wiederholung und Erneuerung, auf der Coogler es schafft, nicht ins Straucheln zu geraten. Er knüpft seine Story schlau an die alten Handlungsstränge an, nimmt immer wieder gewitzt Bezug auf die alten Filme und bettet sie zugleich geschickt in die heutige popkultuelle Welt ein – sowohl Rocky-Fans als auch junges Publikum werden hier Anknüpfungspunkte finden.

Dabei kostet Coogler besonders den ersten Teil der Reihe visuell aus: Donny kreuzt bei seinen Trainingseinheiten immer wieder Rockys ursprüngliche Joggingwege, muss ebenfalls Hühner jagen, um seine Schnelligkeit zu steigern und erklimmt gemeinsam mit dem schon vom Alter gezeichneten Mentor die berühmten Stufen vor dem Philadelphia Museum of Art. Generationenwechsel in der Boxfamilie – am Fuße der Rocky-Statue.

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Auch visuell knüpft Creed an die alten Filme an – war die Treppenszene 1976 eine der ersten und spektakulärsten Steadicamsequenzen, entwickelt Steadikameramann Benjamin Semanoff hier nun diese dynamische Bildsprache weiter: In einer ohne Schnitt gedrehten Kampfsequenz zwischen Creed und seinem ersten Gegner Leo „The Lion“ Sporino tänzelt die Kamera zwischen den beiden Boxern hindurch, ist ganz nah an den malträtierten und angespannten Gesichtern.

Mit diesen Close-ups, die Coogler nicht nur in den Boxszenen setzt, schafft er es, die Hau-Drauf-Dramaturgie in ein psychologisches Drama zu verwandeln. Denn seine beiden Hauptdarsteller Michael B. Jordan und Sylvester Stallone tragen die Figuren Donny und Rocky über die volle Distanz des Films und besonders Stallone zeigt, dass er unter der Führung eines guten Regisseurs sehr nuanciert und einfühlsam spielen kann – eine ganz andere Liga als etwa zuletzt in den The-Expendables-Teilen oder Escape Plan. Das liebenswert Tollpatschige und der tief verwurzelte Familiensinn kommen hier wieder zum Vorschein und tun der Figur mehr als nur gut. Und das Publikum weiß nun, warum es sich in Rocky verliebte und immer wieder verlieben wird.

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Kinostart: 14.01.2016 (Warner Bros. GmbH)
Sportlerdrama, Action, Boxfilm
Land: USA 2015
Laufzeit: ca. 133 min.
FSK: 12

Regie: Ryan Coogler
Drehbuch: Ryan Coogler, Aaron Covington
Musik: Maryse Alberti
Mit Michael B. Jordan, Sylvester Stallone, Tessa Thompson, Phylicia Rashad, …


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