BIRDMAN (ODER DIE UNVERHOFFTE MACHT DER AHNUNGSLOSIGKEIT)

Es ist so offensichtlich und naheliegend: Michael Keaton, der Batman der 1980er Jahre, spielt einen abgehalfterten Schauspieler, der vor über 20 Jahren mit einer Superhelden-Rolle große Erfolge feierte: Birdman. Mit einer selbstproduzierten Theateradaption von Raymond Carvers Short Story “What We Talk About When We Talk About Love” will er sich des abgenutzten Rufs entledigen und zurück in den Schauspielhimmel katapultieren. Doch ist diese Referenz auf Keatons Karriere lediglich der Ausgangspunkt für eine viel größer angelegte, zwischen Ironie und Depression pendelnde Metareflexion. Eine Metareflexion über das Verhältnis von realer Person und Figur, über das Starystem Hollywoods, aber auch über die Masken, die jeder Mensch trägt und an die man sich klammert, als ginge es um Leben und Tod.

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So nimmt es nicht Wunder, dass Alejandro González Iñárritus BIRDMAN beinahe überschäumt vor kulturellen Anspielungen, allen voran natürlich das Feld der gerade in den letzten Jahren die Hitlisten anführenden Superheldenverfilmungen. Denn Michael Keaton wurde, ebenso wie sein Alter Ego Riggan Thomson, die Figur des Batman/Birdman nie mehr so richtig los und er dümpelte seit den beiden BATMAN-Filmen von Tim Burton nur noch in mittelmäßigen Komödien und zweitklassigen Nebenrollen vor sich hin. Doch hat man heute den Eindruck, dass sich gerade die arrivierten Schauspieler neben prestigeträchtigen Rollen ein, man möchte beinahe sagen, einfaches Zubrot verdienen, indem sie in actionlastigen Special-Effect-Streifen in Superheldenanzüge und -capes schlüpfen. Auf diesen Umstand wird Riggan immer wieder mit der Nase gestoßen, Robert Downey Jrs. IRONMAN, Michael Fassbenders Magneto – sie haben ihre Darsteller reich gemacht, jedoch keineswegs ihrer Karriere einen Knick versetzt.

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Diese Verschiebung bekommt der immer in der Figur Riggan mitschwingende Michael Keaton nicht zuletzt durch die Besetzung der ihn umgebenden Menschen mit ebenjenen Schauspielern vorgesetzt, die diesen Spagat aus Kommerz und Kunst geschafft haben: Emma Stone – Spidermans love interest in den aktuellen Verfilmungen von Marc Webb – spielt seine Tochter Sam und Edward Norton – einer der beiden letzten “unglaublichen” Hulks – tritt als sein vom Method Acting besessener Kollege und Widersacher Mike Shiner auf. Beide brillieren in ihren Rollen: Stone als gefallener Junkie, dessen alte Seele in einem Teenager gefangen scheint und Riggan in einer atemberaubenden Standpauke mit einer Mischung aus Zynismus, Aufrichtigkeit und Lebensweisheit auf den Boden der Realität zurückholt; Norton als selbstverliebter Widerling, dessen Ego ebenso gewaltig wie sein Talent ist und dessen gelebtes Method Acting Realität und Illusion verschwimmen lässt: Auf der Bühne ist er der starke und leistungsfähige Macho, echter Alkohol, echter Sex, echte Waffen müssen es sein, um die ideale Illusion zu erzeugen, Backstage ist er es jedoch, der keinen Sex hat und von Riggan in einer der komödiantischsten Szenen des Films einen ordentlichen Box-Haken versetzt bekommt. Er diskreditiert Riggan als Prominenten, als gefallenen Star, der wieder Aufmerksamkeit und das Rampenlicht suche, der jedoch kein wahrer Schauspieler sei wie er selbst. Keaton widerlegt diese Parole stellvertretend für seine Figur auf mehreren Ebenen – spielt er den Riggan Thomson so natürlich und glaubwürdig in seiner Verzweiflung, schafft er es obendrein auch noch, dessen steifes Spiel auf die Theaterbühne zu bringen. Keaton spielt Thomson, der hölzern Theater spielt – Realität und Fiktion sind endgültig nicht mehr voneinander zu trennen, der Schauspieler als Meta-Selbstparodie. Zugleich erweist sich Michael Keaton als die einzig mögliche Besetzung für diese komplexe und riskante Rolle: Welcher andere Superhelden- bzw. Batman-Darsteller könnte die Verquickung von Rolle und eigener (öffentlich wahrgenommener) Persona so homogen abbilden? Val Kilmer käme eventuell noch in Frage, doch ist zweifelhaft, ob er den Facettenreichtum und die mehrfach in sich gespiegelte Persönlichkeit hätte gänzlich erfassen können. George Clooney fiele aufgrund seiner anhaltenden Beliebtheit und Präsenz aus, ebenso Christian Bale, der ja auch schon in den Typus der Allzweckwaffe fällt, der auch ein kommerzieller Film kaum etwas anhaben kann. Michael Keaton ist hier also die ideale Besetzung dieser mehrfach gebrochenen Figur: Anders als John Travolta und Bruce Willis konnte ihm von Tarantino in JACKIE BROWN nicht zu einem Comeback verholfen werden und er fällt somit aus allen Rastern – das macht ihn so perfekt für diese Rolle und gleichzeitig auch so unberechenbar. Seit BEING JOHN MALKOVICH ist BIRDMAN eine der interessantesten und schlausten Dekonsstruktionen von Realität und Fiktion einer Schauspieler-Persona.

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Dieses zentrale Motiv der Realitätsverwischung wird zusätzlich vom Backstage-Setting des Films bestimmt und vorangetrieben – die Inszenierung der Carver-Adaption ist in sich schon ein Kammerspiel und wird von der ebenfalls kammerspielhaften Probensituation des St. James-Theaters gerahmt. Ein Stück im Stück, das schon früh in die Handlung und die emotionale Situation der Figuren hineinreflektiert und alle Beteiligten einnimmt. “What we talk about when we talk about love” ist das Motto aller Interaktionen und Gespräche, ein mannigfaltiger Reigen aus Beziehungsproblemen und -konstellationen wird auf engstem Raum verhandelt: Riggan und Sam tragen Vater-Tochter-Konflikte aus, Riggan und seine Freundin Laura diskutieren, ob sie bereit für ein gemeinsames Kind sind, Mike und seine Freundin Lesley, die ebenfalls am Stück mitwirkt, stecken in einer Beziehungskrise, Mike und Sam haben eine kurze Liebelei und Riggans Ex-Frau besucht diesen während der Premierenpause, um die gescheiterte Ehe zu reflektieren. Es geht um die immer präsenten zwischenmenschlichen Grausamkeiten und die Suche nach den wenigen Momenten des gegenseitigen Verständnisses und Erkennens.

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Der Zuschauer ist hier dank der Kameraarbeit von Emmanuel Lubezki (GRAVITY, THE TREE OF LIFE) in einer atemlosen tour de force immer präsent, in einer scheinbar einzigen Steadicam-Plansequenz führt dieser das Publikum durch die labyrinthisen Katakomben des Theaters und selbstverständlich auch der Psyche der Figuren. Die unsichtbaren Schnitte, versteckt in Lichtwechseln und geschickt gesetzten Zeitraffern, möchte man nicht sehen, freut sich in kurzen, beinahe selbstreflexiven Momenten der Kamera über die Illusion der Unmittelbarkeit, der man sich als Zuschauer hingeben kann. Etwa wenn der Blick hinter den vor einem Spiegel sitzenden Riggan schwenkt und die Kamera nicht hinter ihm reflektiert wird. Innaritu schafft es, innere und äußere Handlung nahtlos miteinander zu verknüpfen: Riggans fortwährende Identifikation mit Birdman, er trägt das Alter Ego stets als dunkle Stimme mit sich, wird mit Flugeinlagen und Actionsequenzen nach außen gekehrt.  Lediglich durch den in diesen Momenten überbordenden Soundtrack lässt sich die Unterscheidung von Realität und Fiktion noch erahnen. Dieser an die Erzählform des stream of consciousness erinnernde Sog nimmt den Zuschauer in zweierlei Hinsicht mit – das Publikum ist nah bei den Figuren und wird konstant gefordert, die ungebrochene Plansequenz lässt kaum Luft zum Durchschnaufen. Kleine Versprecher, die solche minutenlangen Szenen mit sich bringen, lockern diesen optischen Dauerlauf auf und widerlegen ganz nebenbei die von Mike Shiner implizierte Behauptung, Theaterschauspiel sei dem Filmschauspiel überlegen – Timing und Präsenz sind vom Ensemble präzise eingesetzt. So schafft es Iñárritu, seinen Protagonisten Keaton/Thomson auf eine kaleidoskopische Identitätssuche zwischen Batman, Birdman und einer Künstler-Persona zu schicken, die den Zuschauer mit komischen Momentaufnahmen und emotional aufgeladenen Ausbrüchen auf eine filmische Erlebnisreise einlädt.


Birdman. The Unexpected Virtue of Ignorance, USA 2014 – Regie: Alejandro González Iñárritu. Drehbuch: Alexander Dinelaris, Alejandro González Iñárritu, Armando Bo, Nicolás Giacobone. Kamera: Emmanuel Lubezki. Mit: Michael Keaton, Emma Stone, Zach Galifianakis, Edward Norton, Naomi Watts, Amy Ryan. Verleih: Twentieth Century Fox, 119 Minuten. Kinostart: 29. Januar 2015.


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