True Detective

Wie einem angestochenen Luftballon geht Nic Pizzolattos Serienhit kurz vor Ende die Luft aus

Der amerikanische Pay-TV-Sender HBO hat sich in den letzten 20 Jahren einen Namen gemacht mit gut produzierten, innovativen, zuweilen auch mutigen Fernsehserien. Das Staraufgebot vor und hinter der Kamera wurde immer hochkarätiger. Nach den Hits der 1990er und 2000er Jahre werden trotz der wachsenden Konkurrenz von Showtime, FX, AMC, Cinemax oder Sundance Channel weiterhin in hoher Schlagzahl erfolgreiche Shows auf den Markt geworfen: Mit Martin Scorseses BOARDWALK EMPIRE konnte 2010 einer der erfolgreichsten Regisseure der letzten Jahrzehnte gewonnen werden, selbst auf den wiederbelebten Vampir-Hype wurde 2008 mit TRUE BLOOD eine kluge Wendung in den vermeintlich ausgeschlachteten Motivkreis gebracht und mit GAME OF THRONES (seit 2011) ist der Sender derzeit wieder ganz weit vorne im Rennen um die Einschaltquoten.

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Entsprechend wurde mit nicht wenig Selbstvertrauen für Anfang dieses Jahres ein neuer Coup angekündigt. Mit der als Anthologie angelegten Serie TRUE DETECTIVE wollte der Drehbuchautor Nic Pizzolatto die Detektivserie neu erfinden und die Klischees des Genres untergraben. Das schürt natürlich die Erwartungen, diese immense Fallhöhe bei einem Scheitern würde aber sicherlich einen Genickbruch verursachen.

In acht Episoden entwickelt sich nun eine Story, die ihre Handlung nur langsam und auf mehreren ineinander verschlungenen Erzähl- bzw. Zeitebenen entfaltet und so die Spannung des Zuschauers bis aufs äußerste ausreizt. Die beiden ehemaligen Detectives Rust Cohle (Matthew McConaughey) und Martin Hart (Woody Harrelson) werden 2012 einzeln auf das Polizeirevier bestellt und zu einem Ritualmord in Louisiana befragt, in dem sie 1995 ermittelt hatten. Im Verlauf der Einzelinterviews wird deutlich, dass die beiden sich während der Arbeit an dem Fall miteinander zerworfen haben und seitdem getrennte Wege gehen. Der zynische Rust ist zum heruntergekommenen und gebrochenen Alkoholiker geworden, Marty ist nicht mehr bei der Polizei und leitet eine Privatdetektei. Im Verlaufe der Interviews wird angedeutet, dass damals der tatsächliche Täter entkam und nun Rust aufgrund einiger Ungereimtheiten in das Visier der Ermittler geraten ist. Rust hatte all die Jahre Zweifel am Ausgang des ursprünglichen Falles und hat einen ganzen Lagerraum voller Beweise und Indizien gesammelt, Marty hilft ihm, auf eigene Faust weiter zu ermitteln.

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Dabei nimmt sich Pizzolatto erstaunlich viel Zeit, seine Figuren zu entwickeln – Woody Harrelson gibt den gottesfürchtigen Familienvater, der auf klassischer Rollenteilung besteht und sich wie selbstverständlich den ein oder anderen Seitensprung erlaubt. Er ist Detective der alten Schule, geht nach Lehrbuch vor und folgt oft seinem Bauchgefühl. Seinen neuen Kollegen will er gerne als echten Partner und Familienmitglied aufnehmen. Der Einzelgänger sperrt sich jedoch gegen zu viel Vertrautheit. Matthew McConaughey verkörpert diesen innerlich zerrissenen und überzeugten misanthropischen Nihilist sehr intensiv. Verschiedene Schicksalsschläge und vier Jahre als verdeckter Ermittler beim Drogendezernat haben ihre Spuren hinterlassen, er schläft kaum noch und halluziniert ab und an synästhetische Wahnvorstellungen. Doch kann er sich bei der Arbeit auf seinen scharfen Verstand und sein scheinbar enzyklopädisches Spezialwissen über Profiling, Massenmord und diverse mythologische Riten verlassen. Zwischen diesen beiden Polen oszilliert auch die Stimmung in TRUE DETECTIVE – einerseits fiebert der Zuschauer bei der Lösung des Falles mit, andererseits lässt er sich auch gerne von Rusts philosophischen Aphorismen in die Welt der Mystik leiten. Hier sei auf das sensationelle Casting hingewiesen – im Munde eines anderen Schauspielers könnten diese nihilistischen Sentenzen zu reißerischen Plattitüden verkommen, McConaughey gibt ihnen jedoch mit seinem vielschichtigen, zurückgenommenen Spiel Tiefe und schafft es, Rusts dunkles und geschundenes Inneres nach außen zu kehren.

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So wird in sieben von acht Episoden ein verworrenes Netz aus Handlungs- und Mythologiesträngen gesponnen, das die Erwartung des Zuschauers ins Unermessliche steigen lässt. Es könnte tatsächlich sein, dass Pizzolatto sein Versprechen einhält und eine spannende Neuinterpretation der Detektivstory erarbeitet hat. Rust und Marty scheinen tief in den Ritualmord verstrickt, Martys Tochter wird als vermeintliches nächstes Opfer aufgebaut, selbst die Familie des Gouverneurs scheint beteiligt. Die Mythologie des Täters wird in mehreren Beweisstücken geschickt angedeutet: Der über alles herrschende Yellow King verweist auf Robert W. Chambers Erzählungen. Darin ist „The King in Yellow“ eine übernatürliche, kosmische Größe, die kultisch verehrt wird. Anleihen bei H.P. Lovecrafts Cthulhu Mythos sind sicherlich gewollt und so baut sich ganz nebenbei eine mythologische Ebene auf. Dem Zuschauer wird indirekt signalisiert, dass die Lösung des Falles mit der Entschlüsselung dieses Kultes einhergehen muss. Alle Hoffnungen und Augen sind auf Rust gerichtet, der mit seinem angelesenen Wissen ein plausibler Kandidat für diese Aufgabe ist – ein furioses Finale scheint vorprogrammiert.

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Doch kommt es dann leider ganz anders, man könnte fast meinen, Pizzolatto hat sich mit dem Aufbau der vielen Stränge und der genauen Charakterstudien ein wenig verzettelt und musste dann in der letzten Episode hastig alles zusammenführen und auflösen. Dabei verkommt genau diese Lösung zum Trivialsten und Klischeehaftesten, was die jüngste Fernsehgeschichte zu Tage gefördert hat: Ein Großteil der aufgebauten Spannungsbögen und Handlungsstränge verläuft im Nichts, erweist sich als falsche Fährte. Jedoch keineswegs, um einen triumphalen Plot-Twist zu setzen, vielmehr werden sie missachtend fallen gelassen und durch eine so banale Erklärung ersetzt, dass man sich als Zuschauer beinahe beleidigt fühlt. Satt einer spektakulären, oder zumindest nachvollziehbaren, Wendung wird die Ermittlung auf die einfachste Art und Weise gelöst, es bleiben viele Fragen offen – nicht zuletzt die naheliegendste: Ist es nicht ein Armutszeugnis, dass das Morddezernat für eine derart einfache Lösung 17 Jahre gebraucht hat? All die Verweise und Zusammenhänge, all die tragischen Vergangenheiten und Konflikte erweisen sich lediglich als Vehikel, um die Figurenzeichnung voranzubringen und tiefgründiger als in vielen anderen Serien zu gestalten. Doch die letztendliche Handlungsführung ist und bleibt konventionell. Innovatives Scriptwriting sieht immer noch anders aus.

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TRUE DETECTIVE schafft es also nicht, die groß angekündigte Genrerevolution herbeizuführen, jedoch muss man klar sagen: Bis zur Hälfte der letzten Folge ist dies die klügste und ästhetischste Detectiveserie der letzten Jahre. Getragen wird sie über weite Strecken von der schauspielerischen Stärke ihrer beiden Hauptdarsteller – McConaughey und Harrelson liefern hier mit die besten Performances ihrer Karriere ab. Die regelmäßig im Auto ausgetragenen Wortgefechte sind unterhaltender und weitaus pointierter geschrieben und vorgetragen als in so manch erfolgreicher Comedyshow. Adam Arkapaws düster-schöne Fotografie der Bayous und T-Bone Burnetts eindringlicher Soundtrack machen aus TRUE DETECTIVE eine Southern Gothic Story mit Film Noir-Anleihen, die dramaturgisch und cinematographisch kaum Wünsche offen lässt. Selbst der astrein inszenierte und spannende Showdown lassen das Zuschauerherz höher schlagen, lediglich die schlampige Auflösung und der lieblos hingeworfene Epigraph trüben die vorangegangenen sensationellen sieben Stunden Sehvergnügen ein und hinterlassen einen bitteren Nachgeschmack.


Titel, USA 2014 – Regie: Cary Joji Fukunaga. Drehbuch: Nic Pizzolatto. Kamera: Adam Arkapaw. Darsteller: Matthew McConaughey, Woody Harrelson, Michelle Monaghan. HBO. Verleih: Warner Brothers, 458 Minuten in 8 Folgen. Heimkinostart: 4. September 2014.


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