Gone Girl

Szenen einer Ehe – David Fincher seziert in seinem neuen Film zwei Identitäten nach allen Regeln der Kunst

David Fincher hat bereits viele Romane adaptiert – allen voran Fight Club von Chuck Palahniuk, aber auch F. Scott Fitzgeralds Short Story „The Curious Case of Benjamin Button“ oder Stieg Larsons The Girl with the Dragon Tattoo. Nun wendete sich Fincher Gillian Flynns Bestseller Gone Girl zu, einem düsteren Thriller, in welchem Amy Dunne am Tag ihres fünften Hochzeitstages plötzlich verschwindet und ihr Ehemann Nick langsam aber sicher ins Visier der Ermittler gerät. In mehreren Twists und Volten entpuppt sich der gesamte Fall als von Amy minutiös geplanter Racheakt an Nick, der sich vom Märchenprinzen zum normalen Ehemann entwickelt hat. Wie auch in seinen anderen Filmen – zuletzt in THE SOCIAL NETWORK (2011) –, beschäftigt sich Fincher hier mit der Frage nach der Identität und deren Bezug zu den Massenmedien. Nicks Auftreten in den Medien wird genau beobachtet, die Talkshowauftritte von seinem Anwalt von vorne bis hinten durchchoreographiert, um das Publikum, die Polizei aber vor allem die aus ihrem Versteck alles beobachtende Amy zu überzeugen und für sich zu gewinnen. Amy hingegen hat ihren Coup bis ins kleinste Detail im Voraus geplant. Nicht mithilfe der digitalen Medien, sondern bezeichnenderweise mit einem handgeschriebenen, doch gefälschten Tagebuch, versucht sie Nick als gewalttätigen Ehemann darzustellen und der Polizei als Täter zu präsentieren. Fincher inszeniert hier einen subtilen Ehekrieg als groß angelegtes Medienspektakel, in welchem Amy und Nick die gemeinsamen Erinnerungen und Interpretationen ihrer Ehejahre trickreich gegeneinander ausspielen und je nach Bedarf zur Schau stellen. Mit Perspektivwechseln und Flashbacks setzt er das Puzzle langsam vor den Augen des Zuschauers zusammen, der sich nach und nach wie einer der Ermittler selbst ein Bild des Falles macht und Nicks Schuld oder Unschuld aufzudecken versucht. Amys Aufzeichnungen und eine für Nick inszenierte Schnitzeljagd zu seinem Hochzeitstagsgeschenk beleuchten auch Amys Sichtweise auf die Ehe.

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Dabei präsentiert Fincher Amy als perfekte Manipulatorin, die auf Knopfdruck femme fatale oder damsel in distress sein kann. Sie weiß alle um den Finger zu wickeln und spielt jedem die Amy vor, die er in ihr sehen will. Wer sie wirklich ist, bleibt bis zuletzt im Dunklen und macht diese Figur zur stärksten des Filmes – gleichzeitig anziehend und beunruhigend. Rosamund Pike bietet hier die ideale Projektionsfläche und schafft es mit minimalster Mimik, ihr Gegenüber wie auch den Zuschauer zu verführen und im nächsten Moment vor den Kopf zu stoßen. Sie spielt Ben Affleck locker an die Wand. Er kann zwar seine Figur Nick ausfüllen, aber kaum mit Pikes abgebrühtem und doch nuanciertem Spiel mithalten.

So entwickelt der Film neben der von Fincher gewohnten und souverän eingesetzten Film Noir-Ästhetik, die sich hier nahtlos in die kleinstädtische Kulisse einfügt, eine realistische und durchaus fesselndere Anmutung. Gillian Flynn, die ihren Roman selbst für die Leinwand adaptierte, hat einige Handlungsstränge stark gestrafft, was der gesamten Story gut tut: In keiner Sekunde der fast zweieinhalb Stunden stockt der Plot, der Zuschauer wird in immer höherer Frequenz auf falsche Fährten gelockt, von Twists und Umschwüngen zum ständigen Umdenken und Neubetrachten des Gesamtbildes genötigt. Der sehr zurückhaltende, sphärische Soundtrack des bewährten wie genialen Duos Trent Reznor und Atticus Ross verdichtet diese Atmosphäre noch weiter. Im letzten Drittel überschlagen sich die Ereignisse beinahe: Mit nur kleinen Änderungen an der Romanvorlage lässt Flynn die Story entgleisen, die Handlung driftet ins Fantastische ab. Amys eiskalte Berechnung bröckelt und wirkt etwas aufgesetzt. Hier distanziert sich Fincher plötzlich von seinen Figuren, lässt sie die eigenen Handlungen sarkastisch kommentieren. Dieser Schluss wirkt etwas zerfasert, doch gelingt es Fincher, ihn mit seinem schwarzen Humor zusammenzuhalten. Der Zuschauer wird von den Twists nicht mehr mitgerissen. Der heikle Punkt dieses Filmes, einige Zuschauer werden hier aussteigen und den Schluss als absurd verurteilen. Folgt man jedoch Fincher weiter, so wird man mit dem Regisseur lachen und sich mit ihm über die genaue und saubere Konstruktion des Films freuen. Dieser letzte Winkelzug lässt GONE GIRL nicht in einer gelösten Stimmung enden, sondern mit einem distanzierten Blick von außen, der das rehabilitierte Traumpaar in seine Einzelteile zerlegt und mit einem schadenfrohen Lächeln wieder fallen lässt. GONE GIRL ist sicherlich nicht David Finchers Meisterwerk, aber ein präzise inszenierter und fotografierter Thriller, durch dessen Perspektivwechsel man sich vom Regisseur gerne hindurchmanövrieren lässt.

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Gone Girl, USA, 2014 – Regie: David Fincher. Drehbuch: Gillian Flynn nach ihrem eigenen Roman. Kamera: Jeff Cronenweth. Darsteller: Ben Affleck, Rosamund Pike, Neil Patrick Harris, Tyler Perry. 20th Century Fox, 149 Minuten. Kino-Start: 2. Oktober 2014.


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5 Gedanken zu „Gone Girl

  1. Pingback: 13 Sins | drrshow
  2. ich sehe das auch nicht so wild. fincher arbeitet generell mit dem element des plot-twist. also nichts wirklich überraschendes. aber wir werden zukünftig besser darauf achten. wir wachsen noch und gedeihen.

  3. so fett ist der spoiler nicht, das rentiert sich allemal 🙂 und fincher baut ja gerne und reichlich plot twists ein, von daher ist genügend spannung geboten!

  4. Ich glaube, die Spannung hält sich bei diesem Thriller nun – dank des fetten Spoilers in den ersten Sätzen – sehr in Grenzen. 😦

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