Under the Skin

Inertia Creeps / Creepy Inertia – Mit UNDER THE SKIN zieht Jonathan Glazer das Publikum mit einem hypnotischen und verstörenden Bilder- und Klangrausch in seinen Bann

Auf der nachtschwarzen Leinwand nähert sich langsam ein Lichtpunkt, wird größer, nimmt eine sichelartige Form an – eine Sonnenfinsternis? Oder doch ein sich schnell einem Planeten, vielleicht sogar der Erde, näherndes Objekt? Das Licht formt sich zu einem Auge – wessen Auge? Die Titelsequenz in Jonathan Glazers UNDER THE SKIN gibt bildgewaltig Rätsel auf, bleibt jedoch als symbolisches Fragment stehen. Ähnlich glatt lässt der restliche Film Zuschauererwartungen und Sehgewohnheiten abprallen und Interpretationsversuche ins Leere laufen. Er basiert lose auf dem Science-Fiction Roman des Niederländers Michel Faber aus dem Jahr 2000, minimiert jedoch die Handlung auf ihr nacktes Skelett, ein Gerüst, das zur Nebensache wird. Eine junge Frau (Scarlett Johansson), Calvaryvermutlich eine Außerirdische, fährt mit ihrem Truck durch Glasgow, nimmt Männer mit, schläft mit ihnen und bringt sie dann um. Begleitet wird sie von einem mysteriösen Motorradfahrer, der ihr Partner oder eine Art Leibwächter zu sein scheint. Letztendlich wird sie selbst zur Gejagten und flieht in einem bedrückenden Finale vor ihrem Peiniger. Hintergründe oder Motive werden nicht erläutert. Identifikation mit der Hauptfigur ist kaum möglich, denn Johanssons Spiel ist so zurückgenommen, maskenhaft gar, dass jeder Zuschauerblick gänzlich von ihr abprallt, sie wird zur idealen Leinwand für Projektionen. Hat Johansson zu Beginn des Jahres in Spike Jonzes HER nur mit ihrer Stimme dem Betriebssystem Samantha Leben eingehaucht und ein Bewusstsein verliehen, verkörpert sie hier das genaue Gegenteil: eine emotionslose Hülle, aus deren Augen keinerlei menschliche Regung abzulesen ist. Auch die spärlichen Dialoge und die Handlung bieten kaum Anknüpfungspunkte, das Geschehen schreitet nur schleichend, fast träge voran. So nötigt Glazer seine Zuschauer dazu, sich seiner Bildsprache und dem hypnotischen Soundtrack auszuliefern, er verlässt sich auf deren seduktive Kraft – ein Risiko und eine Herausforderung für beide Seiten.

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Johanssons Figur – lediglich im Abspann wird sie Laura genannt, während des Films bleibt sie namenlos – muss sich die Welt, in die sie scheinbar ohne Vorbereitung geworfen wurde, vollkommen neu erschließen und deuten. Sie selbst spricht mit einem sehr klaren englischen Akzent, die Männer hingegen sehr breites Glasgower Schottisch, das sowohl für die Frau als auch für das Publikum nicht immer einfach zu verstehen ist. So befinden sich hier beide Seiten „lost in translation“ und müssen sich anders orientieren: Laura begreift ihre Umgebung haptisch, einem Kleinkind gleich – im Einkaufszentrum berührt sie sämtliche Kleidungsstücke und Kosmetikartikel, um sie erfahrbar zu machen und zu begreifen. Es mutet fast grotesk an, dass sie nun mit schwarzen Haaren, heller Haut, blutrotem Lippenstift und Pelzmantel äußerlich die Femme fatale schlechthin verkörpert, ist sie doch im wahrsten Sinne des Wortes weltfremd und sich ihrer Ausstrahlung lange Zeit nicht bewusst.al Laura scheint in ihrer Funktion als Tötungsmaschine reibungslos zu funktionieren, ein menschliches Leben ist jedoch nicht vorgesehen. In einem Prozess der Selbstfindung wird jedoch aus dem starren, unnahbaren Alien letztendlich ein verletzliches Wesen, die zuvor zur Schau getragene Maske fällt von ihr ab, bzw. sie kann ihre menschliche Hülle akzeptieren – was ihr zum Verhängnis werden soll.

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Die sehr realistisch anmutenden Szenen der Welterfahrung stehen in hartem Kontrast zu den abstrakten Tötungsszenen: Laura führt die Männer in ein heruntergekommenes Haus in ein ebenso pechschwarzes Nichts wie bereits in der Anfangssequenz. Die Türe wird das Portal zu einer Welt, in der das Wesen offensichtlich heimisch ist. Zum stampfenden Rhythmus und kreischenden Streichern des Soundtracks führt sie einen abstrakten Paarungstanz auf, zieht sich langsam vor den Männern aus. Diese folgen ihr willenlos in die Schwärze, welche sich als zähflüssiger, schwarzer See entpuppt: Sie tauchen gänzlich unter, verweilen eine Zeit wie Embryonen darin, werden dabei aber langsam zersetzt und letztendlich von einer unsichtbaren Kraft ausgesaugt. UNDER THE SKIN bleibt hier bewusst vage: Glazer inszeniert diese Sequenzen als einen sich wiederholenden luziden Albtraum, der sich mithilfe von Mica Levis Klangteppich und der sehr kontrollierten und langsamen Bewegung dem Zuschauer beinahe schmerzhaft einbrennt.

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Die albtraumhaften Einschübe wirken in ihrer rhythmischen Choreographie und dem mit den Bildern verschmolzenen Soundtrack wie Musikvideos. Jonathan Glazers Arbeiten der 90er Jahre hinterlassen hier ihre Spuren und schließen assoziativ an die vermeintlich hermetische Struktur des Films an: Der oft herangezogene Vergleich mit Stanley Kubricks vereinnahmenden Bildwelten wird hier besonders deutlich – hat Glazer doch in „Karmacoma“ (1995) der Band Massive Attack die Hotelfluchten aus THE SHINING (1980) nachempfunden, die rasante Autofahrt in Jarmiroquais „Cosmic Girl“ (1996) erinnert an die Anfangssequenz desselben Films und lässt sich zu den Motorradfahrten in UNDER THE SKIN weiterspinnen; ebenso ließ er für „The Universal“ (1995) die Band Blur in einem Szenario aus A CLOCKWORK ORANGE (1971) auftreten. Der viskose Darkroom lässt sich als Fortsetzung des fluiden Raumes in „Virtual Insanity“ (1996) sehen, ein Video, das Glazer ebenfalls für Jamiroquai umgesetzt hatte. Hier bewegte sich der Fußboden eines schlichten Raumes frei in sämtliche Himmelsrichtungen und gab so dem tanzenden Sänger immer neue Bewegungsmöglichkeiten – ähnlich verflüssigt sich Lauras schwarze Umgebung je nach Bedarf.

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In einer verstörenden, aber visuell hypnotisierenden Schlusssequenz verschmilzt Glazer die realistische mit der abstrakten Ebene des Filmes, wendet die nachtschwarze Traumszenerie in einer ebenso unwirklichen Schneelandschaft gegen seine Protagonistin. Erinnert UNDER THE SKIN anfänglich an Nicholas Roegs THE MAN WHO FELL TO EARTH (1976), experimentiert er jedoch visuell und auditiv noch viel extremer. Er reißt den Zuschauer mit überwältigenden und betörenden Bild- und Soundcollagen in seinen hypnotischen Bann, setzt ihn aber gleichzeitig einer Zerreißprobe aus – Glazer zieht sein Konzept der minimalen Handlung und Identifikationsangebote eisern durch und behält stets die Kontrolle über die eigene filmische Welt und deren verführerische Kraft. Nur wer sich vollends dem langsam fortschreitenden und wabernden Bilder- und Klangrausch hingeben kann und will, wird dem Film etwas abgewinnen können. Aus dieser Perspektive ist es beinahe ein Drama, dass der Film keinen regulären Kinostart erhalten wird, sondern direkt als Heimkinoveröffentlichung erscheint. Besucher des Münchner Filmfests im Juli hatten bereits die Gelegenheit, den Film auf der großen Leinwand zu sehen und vor allem zu hören, dieses Erlebnis zahlt sich vollends aus. Das Fantasy Filmfest zeigt UNDER THE SKIN nochmals zwischen Ende August und Ende September in Berlin, Frankfurt, Stuttgart, Nürnberg, München, Hamburg und Köln – ein Besuch sei jedem, der sich auf Glazers bildgewaltige, verstörende Welt und ihre beklemmende Langsamkeit und Ruhe einlassen will, ans Herz gelegt.

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Under the Skin, UK 2013 – Regie: Jonathan Glazer. Drehbuch: Walter Campbell und Jonathan Glazer nach dem Roman von Michel Faber. Kamera: Daniel Landin. Darsteller: Scarlett Johansson, Paul Brannigan, Krystof Hadek, Jeremy McWilliams, Michael Moreland. Silver Reel Entertainment. Verleih: Senator Film, 108 Minuten. DVD-Release: 10.10.2014.


 

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