When Animals Dream

Arthouse Teenwolf – Jonas Alexander Arnbys WHEN ANIMALS DREAM überzeugt mit einem erstaunlich ruhigen Mix aus Sozialdrama und Werwolfhorror

when animals dream posterDass man sich als Jugendlicher in der Pubertät nicht besonders wohl in seiner Haut fühlt, ist nichts Ungewöhnliches, doch was der 16-jährigen Marie in Jonas Alexander Arnbys Erstling WHEN ANIMALS DREAM widerfährt, fällt doch eher aus dem Rahmen:
Sich ausbreitende Brustbehaarung, Klauen statt Fingernägel und blutrünstige Träume verunsichern den Teenager. Dem Zuschauer wird bald klar: Sie verwandelt sich in einen Werwolf! Wer jedoch das übliche Gemetzel erwartet, das auf eine solche Exposition folgt, irrt: Bedächtig und behutsam erzählt Arnby die Coming-of-Age-Geschichte des jungen Werwolf-Mädchens nicht nur als Analogie zum Erwachsenwerden und Emanzipation von gesellschaftlichen Konventionen und Zwängen, sondern vor allem als Psychogramm eines verunsicherten Teenagers, der als Außenseiter seinen Platz in der Gesellschaft sucht. Die mit der körperlichen Veränderung einhergehende psychische Belastung, der immer stärker werdende Verdacht, dass die unheilbare und unheimliche Erkrankung der Mutter etwas mit der eigenen Transformation zu tun haben könnte, die Spurensuche nach der Familiengeschichte: Langsam wird Marie nicht nur ihr Zustand bewusst, auch der Außenseiterstatus in dem kleinen Fischerdorf und die ängstlichen, bisweilen auch abwehrenden und feindseligen Blicke der Kollegen ergeben Sinn. Arnby lässt seiner Protagonistin Zeit, sich nicht nur mit der fortschreitenden Verwandlung in einen Werwolf abzufinden, sondern sich auch in dieser Situation einzufinden. Mit dem Bewusstsein, dass die eigene Andersartigkeit als Krankheit stigmatisiert wird, wächst auch Maries Selbstbewusstsein und ihr Widerstand gegen die allgemeine Ablehnung: Die an sexuelle Belästigung grenzenden Übergriffe der Arbeitskollegen und die immer offener ausgetragene Feindseligkeit der Dorfbewohner stacheln Maries rebellenhafte Züge und ihr wachsendes animalisches Temperament nur noch an und führen letztendlich zum unausweichlichen Zusammenprall.

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Der Däne Jonas Alexander Arnby inszeniert seine Protagonistin in einer atmosphärischen Verschränkung aus Arthouse und Horror. An der sozialrealistischen Tradition des skandinavischen Films orientiert, erinnert er eher an Arbeiten wie SO FINSTER DIE NACHT von Thomas Alfredson denn an GINGER SNAPS (2000) oder gar TEENWOLF (1985). Diese erheben zwar ebenfalls die Lykanthropie zur Metapher für die Pubertät und die darin erwachenden rebellischen und sexuellen Triebe, sind aber eher dem Horror- bzw. Familienfilm verhaftet, wohingegen WHEN ANIMALS DREAM stets die physische und psychische Entwicklung seiner Hauptfigur Marie mit allen sozialen Implikationen durchdenkt und beobachtet – Maries Selbstekel nach dem ersten Mord ist einfühlsam inszeniert und wird für den Zuschauer unmittelbar greifbar und nachvollziehbar. Im dritten Akt jedoch lässt es Arnby sich nicht nehmen, die Genrestandards mit Freude auszukosten – nachdem Marie sich selbstbestimmt ihrer Andersartigkeit bekennt und von den Unterdrückungsversuchen der Dorfgemeinschaft und ihres Vaters emanzipiert, macht sie aus der gegen sie eingeleiteten Hetzjagd einen an CARRIE erinnernden Vergeltungsschlag, der auch Genreverfechter zufriedenstellen sollte.

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Vor beeindruckender Kulisse im abgeschiedenen Jütland gedreht, schaffen Arnby und sein Kameramann Niels Thastum eine gespenstische und beklemmende Atmosphäre in kalten Blaugrautönen, die Maries Einsamkeit und die emotionale Kälte der Dorfgemeinschaft intuitiv aufnehmen und eine ideale Bühne für das hochkarätige Ensemble bildet: Neben Lars Mikkelsen, Jakob Oftebro und Sonja Richter brilliert vor allem die Neuentdeckung, Laiendarstellerin Sonia Suhl als Marie – es ist ihr erster Film: Arnby hatte die Jugendliche lange vor den Dreharbeiten gecastet, ihm war es wichtig, eine Einheimische zu finden, die mit dem Leben in Jütland vertraut ist. Er begleitete sie über einen längeren Zeitraum, lernte sie kennen, erarbeitete mit ihr die Figur. Diese Rechnung geht mehr als nur auf, Suhl trägt den Film ohne Probleme, die schwierige Kombination aus sehr körperlichem Spiel und den subtilen Emotionen des Teenagers gehen ihr sehr natürlich von der Hand. So entsteht ein schaurig-schöner Nordic Noir, dem abseits von Genrekonventionen eine innovative und ungezwungene Mischung aus stimmungsvollem Drama und blutigem Werwolf-Horror gelingt.

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When Animals Dream (Når dyrene drømmer), Dänemark 2014 – Regie: Jonas Aleyander Arnby. Drehbuch: Rasmus Birch. Kamera: Niels Thastum. Darsteller: Sonia Suhl, Lars Mikkelsen, Sonja Richter, Jakob Oftebro. AlphaVille Pictures Copenhagen. Verleih: Prokino, 84 Minuten. Kinostart: 21.08.2014.


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