Turtles – Der Film

In New York kommt es zu einer unerklärlichen Reihe von Verbrechen, die scheinbar ohne Verbrecher über die Bühne gehen. Denn die verantwortlichen jugendlichen Kriminellen gehen bei ihren Taten lautlos vor wie Schattenkrieger. Dies kommt nicht von ungefähr, werden sie doch trainiert und angeleitet vom japanischen Ninja-Meister Shredder. Die Polizei findet kein Mittel gegen diese Umtriebe und nur die couragierte Reporterin April O`Neil versucht den Vorfällen auf den Grund zu gehen. Damit bringt sie sich selbst in höchste Gefahr. Für ihre Rettung und die der Stadt kommen da natürlich nur die vier Turtles Leonardo, Raphael, Donatello und Michelangelo in Frage.

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Ich gebe es zu. Denn auch ich liebe es eine Schildkröte zu sein! Heute noch mit über dreißig Jahren kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass die Turtles einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen füllen, welcher vom Stellenwert der alten Kindheitsleidenschaften auf einer Stufe mit He-Man und den Masters of the Universe steht oder doch eher über allem anderen schwebt. Und glaubt mir, gesammelt und konsumiert habe ich eine Menge an fantastischen Stoffen von Batman über Transformers und M.A.S.K. hin zu den Dino-Riders. Verglichen mit dieser Auswahl kann man die Heranwachsenden späterer Generationen nur bemitleiden, denn was sind schon Power-Rangers oder Action Man gegen die oben genannten. Hey, aber alle die, die sich jetzt angesprochen fühlen, haben Glück, denn bis heute sind vor allem die Turtles sehr präsent in der Medienlandschaft und in den Kaufhäusern. Der Hype ist nie ganz verebbt, auch wenn der Output, von allem was den Namen Teenage Mutant Ninja Turtles trägt, über die Zeit von höchst unterschiedlicher Qualität war und ist.


turtles 1fWas im Jahre 1984 mit einem Comic aus der Feder von Kevin Eastman und Peter Laird, als augenzwinkernde aber dennoch eher an ein erwachsenes Publikum gerichtete Anspielung auf ernste Mutanten-Serien ala Daredevil und X-Men, begann, wurde schnell zum selbstständigen und eher jugendlichen Phänomen mit Kultcharakter. Und der eigentlich parodistische Ansatz ist mit Sicherheit einer der Hauptgründe, warum sich kein Kind dem Charme dieser Idee entziehen konnte. Denn wer fährt in jungen Jahren nicht ab auf vier sprechende Schildkröten, die nach italienischen Renaissancekünstlern benannt sind, Jinjitsu beherrschen, sprechen können, unbändigen Appetit auf Pizza haben, von einer Ratte trainiert werden, mit dieser zusammen in der Kanalisation unter den Straßen New Yorks leben und gegen das Böse antreten?

Na wer? Wusste ich es doch, NIEMAND!

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Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis neben den immer populärer werdenden Comics auch abgemilderte Zeichentrickserien fürs Fernsehen, Realverfilmungen für die große Leinwand, Spiele für alle möglichen Konsolen, Hörspiele für den Kassettenrekorder und Tonnen an Spielfiguren und Merchandise entstanden.

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Aus meiner Sicht hat dabei die Qualität stetig nachgelassen, was aber sicher auch eine Frage des Geschmacks, des Alters und sich ändernder Sehgewohnheiten ist. Gespannt wie ein Flitzebogen bin ich trotzdem, ob die im kommenden Jahr erscheinende Produktion unter der Verantwortung von Michael Bay mal wieder für einen richtigen Höhepunkt sorgen wird. Die Erwartungshaltung ist immens, aber auch gespannt, denn erstmals werden die Charaktere der Turtles in einer Realverfilmung komplett vom Computer geschaffen sein. Ein Anblick an den sich vor allem Fans der alten Filme sicher erst einmal gewöhnen müssen.

Denn genau wie bei Godzilla wollen Puristen eigentlich nur eines: Männer in Gummianzügen!

Nur gut ist es in diesem Zuge, dass Winkler Film im Vertrieb von Alive nun auch erstmals alle drei bisherigen Realverfilmungen auf Blu-ray herausbringt. Diese heißen im Deutschen schlicht und ergreifend Turtles – Der Film, Turtles II – Das Geheimnis des Ooze und Turtles III. Die beiden letztgenannten werden an anderer Stelle näher beleuchtet, hier soll es sich zunächst nur um Teil 1 drehen, der letztlich im Jahre 1990 den Hype um das Schildkröten-Universum in unbekannte Dimensionen anwachsen ließ. Doch der Erfolg war keinesfalls geplant oder absehbar, ganz im Gegenteil, denn zunächst ließ sich kein größerer Finanzier finden, welcher Vertrauen in den Stoff hatte und bereit war, ausreichend Geld für die Adaption zu investieren. Und so stand die Produktion lange auf der Kippe, bis schließlich New Line Cinema – damals trotz der erfolgreichen Nightmare on Elmstreet-Reihe noch als Independent-Studio zu bezeichnen – die benötigten Scheine beisteuerte.

Am Ende waren es knapp kalkulierte sieben Milliönchen mit denen die beteiligten Firmen auskommen mussten. Kein leichtes Unterfangen, verschlangen doch schon allein die aufwendigen animatronischen Effekte, um die Turtles gefühlsecht zum Leben zu erwecken, einen großen Teil des Produktionsvolumens. Denn neben den Darstellern, die in den Kostümen steckten, waren pro Puppe noch mehrere Techniker zuständig, welche vor allem die Mimik der Schildkröten steuerten. Somit mussten alle Sets auf einer Bühne errichtet werden, unter der die Crew im wahrsten Sinne des Wortes schalten und walten konnte. Damit blieb auch kein Geld für wirklich bekannte Namen – sieht man vom damals schwer angesagten Corey Feldman (Stand by me, The Goonies, Lost Boys) als Sprecher von Donatello einmal ab – genau wie von ersten filmischen Minimalgehversuchen der Herren Skeet Ulrich (Scream, Jericho) und Sam Rockwell (The Green Mile, Confessions of a Dangerous Mind, Moon) deren Auftritte man verpasst sobald der Zwinkerreflex im falschen Moment einsetzt. Größere Rollen bekamen da schon Judith Hoag (Armageddon) als Reporterin April O`Neil und Elias Koteas (Der schmale Grat, Shutter Island, Let me in) als Vigilant Casey Jones, welche es später auch zu respektablen Schauspielerkarrieren bringen sollten, ohne aber jemals am ganz großen Starruhm zu kratzen. In den Kostümen der Turtles steckten „nur“ unbekanntere Schauspieler/ Stuntleute, die in drei von vier Fällen nicht nur unsichtbar waren, sondern auch nichts zu sagen hatten, da es separate Sprecher gab. Damit ihre Gesichter letztendlich doch im fertigen Film zu sehen waren, erhielten sie allerdings alle kurze Cameo-Auftritte in anderen Rollen als Taxiinsasse, Pizzabote oder gegnerische Prügelknaben von Shredders Schergen. So sparte man letztendlich auch noch Kosten für Extra-Komparserie.

Auch konnte man es sich nicht leisten, den Film komplett im teuren New York zu drehen und verlagerte die Produktion nach North Carolina. Lediglich einige für die Atmosphäre unverzichtbare Außenaufnahmen wurden im Big Apple gemacht.

Trotz aller Sparmaßnahmen ist aus Turtles – Der Film ein (zumindest für Kinder und Jugendliche) faszinierender Streifen geworden, der schnell sein Publikum in großer Zahl fand und der Produktionsfirma mit den Einnahmen an der Kinokasse ein derart gutes Return on Investment bescherte, dass das Projekt mit seinem Einspiel von 135 Mio. US-Dollar bis zum unerwarteten Erfolg von Blair Whitch Projekt die Independent-Produktion mit dem größten finanziellen Erfolg war.

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Inhaltlich orientierte man sich wieder stark an den Comics und auch was Atmosphäre und Ton anging, wurde der Film deutlich düsterer, als die erfolgreiche erste Zeichentrickserie, die in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre ihren Siegeszug antrat. Dort hatte man sogar in machen Ländern, wie Großbritannien und Deutschland aus den Ninja Turtles die Hero Turtles gemacht, da der japanische Partisanenkämpfer den Produzenten zu negativ behaftet für ein junges Publikum schien.

Auch wurden in England Michelangelos als zu gefährlich anmutende Nunchakus durch eine andere Waffe ersetzt. Auf solche Dämlichkeiten verzichtete man zum Glück bei der deutschen Fassung der filmischen Umsetzung, beging aber andere fragwürdige Änderungen. Denn hier tragen zwar alle Turtles ihre angestammten Waffen und haben, wie es sich gehört, immer einen flotten Spruch auf den Lippen, was ebenso einer zu düsteren Gesamtstimmung entgegen wirkt. In die gleiche Kerbe schlagen dann allerdings auch die nachträglich eingefügten, die Gewalt entschärfenden, Soundeffekte, die bei allen akrobatischen Prügeleien zwischen den Turtles und ihren Widersachern erklingen. Für Erwachsene eine recht nerviges Ärgernis, welches für Kinder jedoch den Zeichentrickfilmcharakter ungemein erhöht und nicht wirklich als störend empfunden wird.

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Die sind es dann auch, denen kleinere bis größere Filmfehler nicht wirklich was ausmachen, da die Konzentration wo anders liegt. Erwachsene Zuschauer mit besserem Auge fürs Detail können da, je nach Gefühlslage, schon öfter mal Schmunzeln oder sich ärgern, wenn beispielsweise die Gürtel der Turtles in einigen Szenen recht deformierend in die eigentlich harten Panzer schneiden oder die Technik hinter dem Trick/ der Darsteller unter der Maske zu sehen ist.

Männer in Gummianzügen eben.

Doch trotz dieser kleinen, dem straffen Zeitplan geschuldeten, Unzulänglichkeiten lebt Turtles – Der Film auch heute noch von seinen handgemachten Puppen-Effekten aus dem Hause Henson (The Muppets), seiner Detailverliebtheit bezogen auf die Vorlagen, dem schelmischen und selbstironischem Witz und einer Reihe von mehr oder weniger offensichtlichen Zitaten und Referenzen zu anderen Filmen und Produktionen.

Man merkt der Arbeit des irischen Regisseurs Steve Barron (Die Coneheads, Die Legende von Pinocchio, Merlin) an, dass der Film für ihn nicht bloß ein reiner Auftragsjob gewesen ist, den es schnell runterzukurbeln galt.

Dafür hat er einfach zu viele witzige Ideen einfließen lassen. Das fängt damit an, dass sich in einer Szene zu Beginn Michelangelo quasi selbst eine Pizza ausliefert, da der Bote, der die „Pferdedecke“ bringt vom gleichen Darsteller verkörpert wird. Oder die Idee der Reporterin April eine gewisse zeichnerische Gabe zu verleihen, was eine Anspielung auf die Regisseurtätigkeit Barrons bei vielen Musikvideos ist. Diese inszenierte er für Bands und Künstler wie Madonna, Bryan Adams, ZZ Top oder eben A-ha, deren Reality-Comic-Mix zu Take on me, zwar später als der Film erschien, allerdings vorher gedreht wurde. Weitere Referenzen findet man, wenn Michelangelo seinen Brüdern zur Belustigung Filme wie Rocky szenisch vorspielt oder Raphael sich zum Zeitvertreib im Kino Critters anschaut, um dann festzustellen: Wer lässt sich nur so einen Kram einfallen?

Das Gleiche könnte man auch über Turtles – Der Film sagen, sofern man jemand ist, der scheinbar keine Freude am Leben hat und gute Schildkröten-Unterhaltung nicht zu schätzen weiß.

Wir Fans hingegen halten es da mit Meister Splinter und verpassen dem Film als Empfehlung ein dickes COWABUNGA.


Ein Extra-Lob gibt es auch für die Blu-ray-Veröffentlichung, welche technische eine Menge aus den Mastern rausholt, aber vor allem durch die Extras, wie Deleted Scenes, dem alternativem Ende und einem sehr informativen Audiokommentar von Regisseur Steve Barron überzeugt.

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